Corona vs. Nachhaltigkeit & warum wir aufhören sollten uns selbst fertig zu machen

26. November 2020

Lesezeit: ~ 6min

Seit es vor einigen Jahren bei mir endlich Klick gemacht hat in Sachen Nachhaltigkeit, war ich ziemlich konsequent. Ich habe mir von einem Tag auf den anderen vorgenommen nie wieder Fast Fashion zu kaufen und das auch geschafft. Ich habe nach und nach das Plastik aus meinem Leben verbannt und Monate lang fast Zero Waste gelebt. Ich wurde Vegetarierin, ich habe ausgemistet, Urlaub in Deutschland gemacht und so weiter und so fort. Und dann kam Corona. In der neuen Brigitte Be Green hat Daniela Stohn einen Artikel veröffentlicht, in dem sie beschreibt, wie Corona sie zur "Umweltsau" machte und ich habe mich darin wiedergefunden. Ganz so schlimm war es bei mir nicht, aber ich habe angefangen mich zu sehr selbst dafür zu shamen, dass ich Rückschritte mache und nicht mehr alles so gut klappt wie vorher. Ich kann sicher nicht alle meine negativen Handlungen auf Corona schieben, aber viele und ich möchte heute endlich ehrlich darüber reden. Vielleicht fühlt sich jemand von euch ähnlich, vielleicht nicht. Dieser Blogpost ist eine Art Beichte, aber auch ein Blick aufs Positive und ein Appell, uns weniger selbst fertig zu machen.

Meine Rückschritte

Ich bin seit Monaten keine richtige Vegetarierin mehr und vom Vegan sein wahrscheinlich soweit entfernt wie noch nie. Ich gehe normalerweise sehr gerne essen und koche selten. Die letzten Monate hatte ich ständig Lust auf Fast Food und fand eigentlich alles gut, was mit Käse überbacken ist. Während dem #stayhome hatte ich nicht wirklich die Energie mir das zu verwehren, auch wenn es ungesund und schlecht für die Umwelt war. Seit einigen Wochen habe ich das zum Glück wieder besser im Griff, dank meiner App PLANEATARY, die mir schonungslos vor Augen hält, wie viel Fleisch und Milchprodukte ich konsumiere. Jetzt gibt es wieder Pflanzenmilch statt Milch und mein Fast Food Hunger wird wenigstens mit den veganen Fleischersatz-Burgern und -Nuggets von Burger King gestillt.
Ich habe in den letzten Monaten so viel Plastik verursacht wie wahrscheinlich seit Jahren nicht mehr. Im Frühjahr habe ich Monate lang alles nur noch mit dem Fahrrad gemacht und da der nächste Unverpacktladen von meiner alten Wohnung schon mit der U-Bahn über eine halbe Stunde entfernt war, hatte ich keine Chance dort einzukaufen. Alles was es in der Nähe gab war ein Rewe, bei dem es nichtmal besonders viel Bio gibt, geschweige denn plastikfrei. Meine einzige Quelle für plastikfreies Essen in der Nähe - der Wochenmarkt - wurde außerdem durch Corona viel strenger und auch dort war es plötzlich nicht mehr möglich Essen in die eigenen Gefäße zu bekommen. Und dann ist da auch noch die Sache mit dem gelieferten Essen, ...
Auch Auto gefahren bin ich dieses Jahr so viel wie lange nicht mehr, einmal im Juni nach Süddeutschland zu meiner Familie - eigentlich meine typische Lieblingsbahnstrecke. Außerdem waren wir mit dem Auto im Urlaub in Dänemark und haben für den Umzug häufig Car Sharing genutzt um Dinge zu transportieren.
Mit dem Umzug kam außerdem das Möbelshopping - und das kann ich definitiv nicht auf Corona schieben. Ich hatte zwar die Intention nachhaltige Möbel zu kaufen und viel Second Hand, aber das hat deutlich mehr schlecht als recht geklappt. Die meisten nachhaltigen Möbel die ich gefunden habe waren entweder sehr sehr teuer oder ich fand sie einfach nicht schön (oder beides in einem). Dafür vieles Second Hand zu kaufen, hatte ich nicht die Energie (& auch nicht die richtigen Transportmittel). Immerhin haben wir ausschließlich Möbel gekauft, die uns sehr gut gefallen und wir mit Bedacht ausgesucht haben. Sie sind aus natürlichen Materialien und hoffentlich langlebig.

Der Blick aufs Positive

Dieser Blogpost ist vor allem für mich selbst - vielleicht kann der oder die eine oder andere von euch aber auch etwas für sich daraus ziehen. Ich habe gemerkt, dass ich mich in den letzten Monaten viel zu sehr selbst dafür fertig gemacht habe, was alles schief geht, so dass ich ganz aus den Augen verloren habe, dass ich dennoch auch Fortschritte im Bereich Nachhaltigkeit gemacht habe: Ich habe dieses Jahr so wenig Kleidungsstücke gekauft wie noch nie - teilweise habe ich sogar Monate lang gar nichts gekauft - und der Größtteil des Gekauften war Second Hand. Ich habe von meiner Oma und meiner Mutter gelernt, wie ich Löcher stopfe (& damit Kleidung reparieren kann). Jedes Buch, dass ich dieses Jahr gekauft habe, war Second Hand. Ich habe bisher meine #365trashchallenge wunderbar geschafft und jeden Tag 5 Stücke Müll gesammelt, was heute schon 1640 Stücke sind. Mein Freund und ich sind in eine neue Wohnung gezogen, die nicht nur ein energieeffizienter Neubau ist sondern auch deutlich kleiner als die alte Wohnung - wodurch wir z.B. weniger heizen müssen. Seit dem Umzug ist außerdem unsere nächste Einkaufsmöglichkeit ein Biomarkt, sowie ein toller Wochenmarkt mit vielen regionalen Bioständen, und seitdem habe ich fast ausschließlich Biolebensmittel gekauft. Ich habe mich außerdem mit Finanzen beschäftigt und begonnen Geld in grüne Unternehmen und ETFs zu investieren. Das ein oder andere Crowdfunding habe ich auch unterstützt und damit z.B. einen Unverpacktladen in Barmbek bei der Eröffnung unterstützt. Und ich habe auch einige meiner alten nachhaltigen Habits erfolgreich beibehalten: ich habe weiterhin nicht ein Fast Fashion Teil gekauft und mein Badezimmer ist nach wie vor plastikfrei.

Fazit & warum ich aufhören werde mich selbst fertig zu machen

Daniela Stohn schreibt in ihrem Artikel in der Be Green ein paar weise Worte, die ich auch für mich als Fazit sehe:

Vielleicht ist es ja okay, zumindest eine Zeit lang, in Sachen Nachhaltigkeit nicht alles richtig zu machen [...].Die Umweltpsychologin Sonja Geiger von der TU Berlin stimmt mir da zu: sich ständig gegen seine Neigungen zu wehren oder für die unbequemere Alternative zu entscheiden, sei wahnsinnig anstrengend. Und das liege vor allem am Umfeld der fehlenden Bereitschaft der Politik, daran etwas zu ändern: "Die Infrastrukturen sind so gemacht, dass wir einen größeren inneren Schweinehund überwinden müssen, um ökologisch zu leben. Die nachhaltige Alternative ist oft die größere Hürde."

Und genau das ist es für mich: Ich werde müde, müde immer verantwortlich handeln zu müssen und eben ständig die größere Hürde zu nehmen. In den letzten Monaten hatte ich Corona hin oder her viel Druck, ich habe meinen Bachelor beendet und bin ins Berufsleben eingestiegen. Außerdem haben Torben und ich in unserer Freizeit viel an PLANEATARY getüftelt und dann ist da noch der Blog. Dazu kam dann noch die Pandemie und all die Verantwortung und die Gedanken, die man sich auf Grund dieser macht. Die Klimakrise ist natürlich trotzdem so aktuell wie noch nie. Aber das alles macht mich müde immer wieder die größere Hürde nehmen zu müssen. Und das auch noch in dem Wissen, dass 71% der weltweiten Emissionen von nur 100 Konzernen verursacht werden - ich bin es satt das auf meinen Schultern lasten zu lassen. Mein Kassenzettel ist zwar ein Stimmzettel und ich verursache natürlich auch die Emissionen indem ich die Dinge kaufe. Aber ich schaffe es nicht mehr, mir dafür die ganze Verantwortung zu geben, während es Menschen gibt, die das deutlich einfacher ändern könnten, unsere Politiker und die 100 Konzerne zum Beispiel.
Mein Fazit ist deswegen: Ja ich werde weiter versuchen so nachhaltig wie möglich zu leben, aber ich muss aufhören mich für jeden Fehler selbst fertig zu machen.