How to: So meisterst du die Tiefenschärfe

18. März 2020

Lesezeit: ~ 6min

Heute möchte ich endlich mal tiefer auf mein liebstes Stilmittel der Fotografie eingehen: die Tiefenschärfe. Die Tiefenschärfe (auch Schärfentiefe) bezeichnet letzten Endes, wie groß der Bereich im Bild ist, der scharf ist. Also wenn ihr ein Objektiv fokussiert, wie viel weiter nach hinten und vorne der Schärfebereich sich noch ausdehnt. Ich bin in den meisten Situationen ein Fan davon die Tiefenschärfe gering zu halten, sodass alles vor und hinter dem von mir fokussierten Motiv unscharf und leicht verschwommen ist. Ihr könnt mit allem was ich euch in diesem Post erzähle aber auch das genaue Gegenteil bewirken: ein durch und durch scharfes Bild. Um die Tiefenschärfe wirklich zu verstehen, erzähle ich euch erstmal ein bisschen was über das menschliche Sehen und dann erfahrt ihr, welche Faktoren die Tiefenschärfe in eurem Bild beeinflussen und wie ihr sie somit meistern könnt.

Menschliches Sehen

Auch wenn es uns manchmal vielleicht anders vorkommt, sehen wir Menschen nur einen sehr kleinen Bereich, nämlich nur ca. 2 Grad des Sichtfeldes, wirklich scharf. Und das liegt am Aufbau des Auges: auf der Rückseite des Auges befindet sich die sogenannte Netzhaut, welche die Rezeptoren beinhaltet mit denen wir Sehen. Wir sehen im Zentrum unseres Sichtfeldes am besten, weil sich dort auf der Netzhaut der Foveale Bereich befindet, wo die meisten Rezeptoren angesiedelt sind. Der Rest des Sichtfeldes wird als peripheres Sehen bezeichnet - hier sehen wir alles etwas unscharf. Warum ich das alles erzähle? Wenn ich mir überlege, wie viel Tiefenschärfe ich gerne in einem Bild haben möchte, überlege ich mir oft gerne, was für das menschliche Auge gewohnt wäre. Es wirkt bei einer Nahaufnahme zum Beispiel unnatürlich, wenn sehr viel Tiefenschärfe vorhanden ist, da das menschliche Auge das Motiv nie so sehen würde - was in manchen Fällen aber auch ein Stilmittel sein kann.
Um euch einmal die natürliche Tiefenschärfe des Auges anzuschauen, könnt ihr einen eurer Finger in ca. 20-30 cm Abstand zu euren Augen halten und diesen fokussieren. Ihr werdet sehen, dass der Hintergrund komplett unscharf ist.

Mit diesen Faktoren beeinflusst du die Tiefenschärfe

Im wesentlichen gibt es vier Faktoren, welche die Tiefenschärfe in euren Bildern beeinflussen und dabei miteinander zusammenspielen. Es lohnt sich auf jeden Fall alle vier zu kennen um in möglichst verschiedenen Situationen die gewünschte Schärfe oder Unschärfe zu erreichen. Es gilt daher das Zusammenspiel zu verstehen und die Faktoren für euch zu nutzen. Aber keine Sorge, wenn man die Regeln mal kennt ist es ganz einfach:

Blendenzahl

Der - meiner Meinung nach - wichtigste Faktor in Bezug auf die Tiefenschärfe ist die Blende: Umso kleiner die Blendenzahl, desto geringer die Tiefenschärfe. Meine Favoriten für einen schönen verschwommenen Hintergrund sind Blende f2.8 oder sogar 1.8. Wenn ihr hingegen viel Tiefenschärfe möchtet, müsst ihr die Blende dementsprechend erhöhen, ich verwende dabei aber maximal einen Wert von f11.
Wenn ihr so wie ich gerne einen unscharfen Hintergrund haben möchtet, solltet ihr beim Objektiv-Kauf unbedingt darauf achten, dass das Objektiv kleine Blendenzahlen zulässt. Von vielen Objektiven gibt es zwei Ausführungen, wobei diejenige mit den kleinen Blendenzahlen meistens die Teurere ist. Ich finde immer, dass die zusätzliche Qualität und die schön verschwommenen Hintergründe das zusätzliche Geld wert sind - deswegen kaufe ich nur noch Objektive mit mindestens Blende 2.8.

Brennweite

Auch die Brennweite ist ein wesentlicher Faktor zum beeinflussen der Tiefenschärfe - testen kannst du das zum Beispiel, indem du die Kamera auf ein Stativ stellst, die Einstellungen (vor allem die Blende) komplett gleich lässt und nur die Brennweite veränderst. Dabei wirst du folgendes merken: Je größer die Brennweite, umso geringer die Tiefenschärfe. Wenn du also ein sehr weitwinkliges Objektiv hast, wird es schwieriger einen unscharfen Hintergrund zu bekommen, während es mit einer Brennweite von 200mm kaum möglich sein wird, einen scharfen Hintergrund zu haben.
Du solltest unbedingt beachten, dass bei vielen (vorallem günstigeren) Zoom-Objektiven sich auch die Blendenzahl verändert, wenn du die Brennweite variierst. Viele dieser Zoom-Objektiv können kleine Blendenzahlen nur mit einer niedrigen Brennweite. Das ist einer meiner Gründe, warum ich Festbrennweiten liebe. Es gibt aber auch Zoom-Objektive bei denen das nicht so ist, das sind die Objektive bei denen kein Blendenbereich angegeben ist, sondern nur eine Blendenzahl z.B. f2.8 statt f2.8-f4.0.

Abstand zwischen Kamera und Motiv

Für diesen Faktor kommen wir wieder zurück zum Finger Beispiel: haltet euren Finger wieder in ca. 20 cm Abstand zu eurem Gesicht und fokussiert ihn. Wenn ihr jetzt den Finger langsam weiter weg bewegt, werdet ihr merken, dass der Hintergrund langsam immer schärfer wird - zwar nicht komplett scharf, aber weniger unscharf. Genauso funktioniert das bei der Kamera auch: umso näher sich euer Motiv an der Kamera befindet, desto geringer die Tiefenschärfe.
Das Ganze ist in der Nähe limitiert durch die Brennweite, weil das Motiv irgendwann zu nah an eurem Objektiv sein wird, um es scharf zustellen.

Abstand zwischen Motiv und Hintergrund

Der letzte Faktor hängt eng mit dem Abstand zwischen Kamera und Motiv zusammen, hier geht es um den Abstand zwischen Motiv und Hintergrund: Je weiter der Hintergrund von eurem Motiv entfernt ist, desto weniger Tiefenschärfe. Um einen schön unscharfen Hintergrund zu bekommen, solltet ihr also euer Motiv auch nicht zu nah am Hintergrund platzieren, ein paar Meter Abstand können schon viel ausmachen.

Das Zusammenspiel der Faktoren

Jetzt kennt ihr die Grundlagen, alle vier Faktoren hängen aber natürlich zusammen und deswegen gilt es das Zusammenspiel der Faktoren zu verstehen. Ihr könnt euch zum Beispiel mit einer Blende 2.8 auf einen Berg stellen und eine weite Landschaften fotografieren und der Großteil des Bildes wird dabei wunderbar scharf sein, weil die Entfernung von Kamera zum Objekt groß genug ist. Genauso kann es euch mit einer weiteren geöffneten Blende passieren, dass der Hintergrund unscharf ist, wenn ihr zum Beispiel eine große Brennweite habt oder das Objekt sehr nah an der Kamera ist.
Dazu noch eine kleine Geschichte: Als ich vor einigen Jahren noch Schülerin war, war die Macrofotografie mein Lieblingsbereich und mein größter Traum: ein Macroobjektiv. Irgendwann konnte ich mir dann endlich mein langersehntes Macroobjektiv (mit 105mm Brennweite) leisten und war total enttäuscht, weil alle meine Bilder plötzlich unheimlich unscharf waren und ich kaum ein gutes Bild hinbekommen habe. Das war ein Zusammenspiel aus der großen Brennweite (mit meinem vorherigen Objektiv konnte ich nur maximal 55mm), dem Objekt nah an der Kamera und dass ich wie zuvor gewohnt mit einer nicht sehr großen Blendenzahl gearbeitet habe. Das war das erste Mal, dass mir der Begriff Tiefenschärfe über den Weg lief - als mir ein Fotografen-Freund erklärte, warum meine Bilder mit dem Macroobjektiv alle unscharf werden und was ich dagegen tun konnte. Besser wurde das Ganze dann indem ich sehr hohe Blendenzahlen verwendete oder doch nicht ganz so macro unterwegs war (und dadurch den Abstand zwischen Kamera und Objekt erhöht habe).

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