Wie nachhaltig ist Online Shopping und wie lässt es sich umweltbewusster gestalten?

08. April 2020

Lesezeit: ~ 9min

Oft habe ich das Gefühl Online Shopping ist im Nachhaltigkeitsbereich total verschrien, fast möchte man sich entschuldigen, wenn mal wieder ein Paket bei einem ankommt und man nicht lokal bei einem Laden eingekauft hat. Als ich vor einer ganzen Weile auf einem Seminar über Eco Fashion war, stellte die Leiterin dann die Frage: "Was ist nachhaltiger: Online Shopping oder ein Shopping Trip in der Innenstadt?" und zur Überraschung der meisten Teilnehmer war ihre Antwort: Online Shopping. Das hat auch mich persönlich verblüfft und deswegen wollte ich dem Ganzen mal auf den Grund gehen. Heute möchte ich in diesem Post die Frage beantworten: "Wie nachhaltig (oder eben nicht) ist Online Shopping?" und außerdem gebe ich euch jede Menge Tipps, wie ihr euer Online Shopping möglichst nachhaltig gestalten könnt.

Online Shopping vs. im Laden kaufen

CO2 Fußabdruck

Laut einer Untersuchung des Öko-Instituts von 2016 wird bei einer Online Bestellung ca. 660g CO2 verursacht. Die Zahl setzt sich aus folgenden Komponenten zusammen: Stromverbrauch von Computer & Server (60g), Umschlagzentrum und Dieselfahrzeug (370g) und Zustellung mit Dieselfahrzeug (230g). Wenn das Paket retoure geht, kommen weitere 370g oben drauf, dann wären es 1.030g CO2. Viele ökologische Online Shops versenden außerdem "klimaneutral", was soviel bedeutet, wie dass sie das durch den Versand entstandene CO2 ausgleichen. Mehr darüber, wie CO2 ausgeglichen werden kann, erfahrt ihr in meinem Blogpost "Alles was du über CO2 Kompensation wissen solltest".
Nun habt ihr irgendwelche CO2 Werte, mit denen ihr wahrscheinlich nicht besonders viel anfangen könnt, denn es fehlt jeglicher Vergleich. Wie viel CO2 beim Kauf in einem Laden verursacht wird, hängt stark davon ab, mit welchem Verkehrsmittel wir zum Laden kommen und wie weit der Laden entfernt ist. Egal welches Verkehrsmittel, folgende CO2 Mengen werden beim Kauf im Laden immer verursacht: Umschlagzentrum und Dieselfahrzeug (270g) und der Ladenbetrieb, hauptsächlich Strom und Wärme (1.000g). Wenn wir jetzt CO2-neutral zum Laden kommen zum Beispiel zu Fuß oder mit dem Fahrrad ist das die Endmenge: 1.270g CO2 für den Kauf im Laden. Mit dem ÖPNV kommen nochmal 440g obendrauf und es wären insgesamt 1.710g. Und mit dem Auto wären wir bei 3.270g, weil nochmal 2.000g obendrauf kommen. Dabei wurde mit einem Weg von 10km (hin und zurück) zum Laden gerechnet. Das Ganze habe ich euch auch nochmal (vereinfacht) gemalt, damit es etwas besser nachvollziehbar ist:

Verpackungsmaterial

Auch immer wieder in der Kritik steht der Verpackungsmüll, der durch Online Bestellungen anfällt: irgendwann häuft sich in der Wohnung die Paketpappe und das Füllmaterial. Das ist für uns greifbar und sichtbar, deswegen denken wir, dass Online Shopping eine Verpackungsmüll-Schleuder ist. Ich möchte dem gar nicht widersprechen, aber wir müssen uns auch mal überlegen, wie die Produkte in die Läden in der Innenstadt kommen, wo sie dann schön arrangiert auf Kleiderbügeln hängen oder in schöne Stapel gefaltet wurden. Eine Bekannte, die ich durch die Naturschutzjugend kennengelernt habe, hat mir erzählt, dass sie mal für Zara gearbeitet hat. Dort hat sie Kleidung im Lager für den Verkauf ready gemacht und die Verpackung hat sie ganz schön schockiert: jedes Kleidungsstück wurde einzeln in Plastik verpackt (aus Hygienegründen) und dann ein größeres Bündel an Kleidungsstücken noch ein weiteres mal in Plastik zusammengeschweißt - das sie dort gearbeitet hat ist schon ein Weilchen her, aber ich befürchte, dass es immer noch ähnlich aussieht. Was ich damit zeigen will: Hinter den Kulissen kann bei jedem Einzelhandelsladen auch jede Menge Müll entstehen, wir sehen ihn nur nicht.
Genaue Vergleichsdaten an Verpackungsmaterial zwischen Online Shopping und Lokal im Laden kaufen konnte ich leider nicht finden. Sicher gibt es auch große Unterschiede, je nach Laden. Als Fast Fashion Gigant ist Zara natürlich auch ein großes Negativbeispiel - ich kann mir vorstellen, dass ökologische Läden darauf achten, die Kleidung mit weniger Verpackung geliefert zu bekommen.

Online Shopping möglichst nachhaltig gestalten

Brauche ich das wirklich?

Ich weiß - ich stelle diese Frage ständig - aber sie ist der Schlüssel zur Nachhaltigkeit: Wenn ihr die Frage "Brauche ich das wirklich?" mit Nein beantwortet, kauft es einfach nicht! So ist Shopping (egal ob im Laden oder Online) nämlich am nachhaltigsten - wenn es gar nicht stattfindet. Mehr dazu könnt ihr in meinem Blogpost "'Buy less, choose well, make it last' so lebst du den Eco (Fashion) Grundsatz" nachlesen, aber jetzt kommen wir erstmal zu den "wirklichen Tipps":

Keine Retouren

Wenn ihr ein Paket wieder zurückschickt, wird gleich viel mehr CO2 verursacht. Außerdem machen Online Dienstleister (wie z.B. amazon) immer wieder Schlagzeilen durch ihre total unnötige und verschwenderische Vernichtung von Retoure-Sendungen. So werden laut Greenpeace ca. 30% der Retouren im deutschen Online Handel nicht zurück in den Verkauf gebracht, obwohl sie noch voll funktionstüchtig (oder sogar neuwertig) sind. Bei Eco Fashion Stores ist so ein Verhalten zwar recht unwahrscheinlich, aber es bleibt auch hier das CO2 als Argument. Deswegen solltet ihr Retouren so gut es geht vermeiden! Und dafür habe ich eine kleine Checkliste:

  • Keine Pakete mit dem gleichen Produkt in mehreren Größen, stattdessen: Maße nehmen und mit den Tabellen im Online Shop vergleichen (hier eine Anleitung, wie ihr eure Maße nehmen könnt)
  • in die Bewertungs-Sections schauen, oft gibt es z.B. Hinweise darauf, ob eine Sache eher größer oder kleiner ausfällt
  • im Zweifel das Unternehmen mal (z.B. auf Instagram) anschreiben und nachfragen, ob sie euch beraten können
  • sehr kritische Produkte wie Schuhe oder enge Jeans vielleicht doch eher nicht online bestellen

In ökologischen & fairen Online Shops bestellen

Im letzten Punkt habe ich es schon angerissen, dass ökologische und faire Online Shops beim Thema Retouren besser mit den Sachen umgehen. Aber auch generell ergibt es Sinn, nicht den Onlineriesen Amazon oder auch Otto und co. zu unterstützen, sondern lieber auf faire und nachhaltige Online Shops zu setzen. Sie handeln in der Regel sowohl in der Herstellung, als auch beim Versand und allem drum und dran deutlich bedachter. Ein guter Anhaltspunkt mit großer Auswahl ist der Avocado Store und noch mehr nachhaltige Online Shops findet ihr in meinem Post "Ökologische Mode - Online Shops & Marken".

Regionale Händler (/Lager)

Umso näher das Lager des Online Shops eures Vertrauens ist, umso weniger CO2 wird bei der Lieferung freigesetzt. Es lohnt sich also bei deutschen Händlern zu bestellen, da die Transportwege kürzer sind. Innerhalb Deutschlands versenden laut utopia die Paketdienste DPD und DHL ihre Pakete immer klimaneutral - es lohnt also auf "Regionalität" zu achten. Die 1 mit Sternchen ist es dann außerdem darauf zu achten, dass die Produkte auch in Deutschland (oder zumindest in Europa) gefertigt werden, so haben sie generell einen kürzeren Transportweg zu uns.

Beim gleichen Händler bestellen

Wenn ihr 5 verschiedene Produkte von 5 verschiedenen Händlern bestellt, verursacht ihr 5x die Menge an CO2, da 5 separate Pakete losgeschickt werden. Wenn ihr aber stattdessen 5 Produkte vom gleichen Händler bestellt wird das Paket wohl etwas größer, aber die Menge an CO2 ist nicht ganz so groß. Schaut euch also vielleicht bei einem Händler etwas ausführlicher um oder versucht einen Online Shop zu finden, der möglichst viele der Produkte die ihr haben möchtet abdeckt (einige Eco Fashion Online Shops findet ihr zum Beispiel in meinem Blogpost "Ökologische Mode - Online Shops & Marken").

Pakete gut timen oder zur Packstation senden

Wer kennt es nicht - man ist unterwegs, die Nachbarn sind auch nicht zuhause und am Ende landet das Paket doch irgendwo bei einem DHL-/ Hermes- oder sonst was Store. Dadurch hat das Paket wieder einen weiteren Weg zurückgelegt, denn erst wurde es zu euch gefahren, dann zum Store und dann holt ihr es dort wieder ab. Am besten ist es also Pakete gut zu timen oder direkt an einen Store oder eine Packstation zu schicken. Ich versuche meistens so zu bestellen, dass die Pakete an einem Tag ankommen, an dem ich zuhause bin. Bei einigen Dienstleistern wie DPD, könnt ihr aber auch bei der Versandbestätigung angeben, wann (oder wo) das Paket ankommen soll. Außerdem haben viele Arbeitgeber auch kein Problem damit, wenn ihr Pakete direkt ins Büro liefern lasst - dann ist (außer vielleicht Samstags) immer jemand da, der es entgegen nimmt.

Auf Vorrat shoppen

Bei Dingen, die ich immer wieder brauche und die sich lange halten, bestelle ich mir immer gleich ein bisschen mehr. Habt ihr zum Beispiel das eine Lieblings-Shampoo Bit - einfach gleich ein paar mehr bestellen, dann lohnt sich der Versand und das Paket-Material umso mehr.

Verpackungen wiederverwenden

Ich hebe sowohl alte Pakete, als auch Packmaterial immer gerne auf, denn irgendwas kann man immer noch daraus machen. Aus Packpapier bastle ich zum Beispiel Mülltüten oder benutze es als Geschenkpapier. Und alte Pakete kann man eben zu neuen Paketen machen z.B. wenn ich etwas Second Hand online verkaufe.

Mein Fazit

Dieser Post soll ausdrücklich nicht die lokalen Geschäfte schlecht reden, stattdessen soll er zeigen, dass ihr auch kein schlechtes Gewissen haben müsst, wenn ihr in einem Online Shop bestellt und euch die richtigen Fakten liefern. Zumindest bekomme ich öfter mal ein "Aber dass du deine Eco Fashion online shoppst macht es dann ja nicht besonders nachhaltig!" zu hören - zu dieser Aussage habe ich jetzt Fakten, die ich in Zukunft auch benutzen werde. Denn Eco Fashion online kaufen ist deutlich nachhaltiger als zu Zara und co. in die Innenstadt zu rennen (und das auch nicht nur wegen der geringer als erwarteten CO2-Bilanz).
Ich ziehe für mich aus diesem Post die Schlussfolgerung, dass Online Shopping nicht so schlimm ist wie gedacht und ich weiterhin meine liebsten Online Shops ohne schlechtes Gewissen unterstützen werde - dazu zählen zum Beispiel Mit Ecken und Kanten und Sirplus. Aber auch wenn Online Shopping bei der CO2-Bilanz besser abschneidet, finde ich lokale Geschäfte sehr unterstützenswert. Sowohl hinter jedem ökologischen Online Shop, als auch hinter jedem kleinen Öko-Geschäft in der Innenstadt steht eine Person, die dieses mit einer guten Absicht gegründet hat. Außerdem gehören kleine Läden für mich zum Stadtbild und ich würde sehr darum trauern, wenn es irgendwann nur noch Riesen wie H&M, Saturn und co. in der Hamburger Innenstadt gäbe. Ich finde also beides unterstützenswert und so möchte ich wie bisher auch auf eine ausgeglichene Mischung setzen.

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